Sushi macht das Leben schöner

Sushi macht das Leben schöner

„Dem sind keine Grenzen gesetzt, der sie nicht hinnimmt.“

Japanische Weisheit

Der Mann, der so freundlich ausschaut, wie ein Polizist, der gerade einen Fahrer ohne Führerschein erwischt hat, hält dir ein Blatt unter die Nase und sagt: „Sehen Sie, da steht eine Eins. 1. Stock. Sie sind im 2.! Im 2.!“ Du erklärst dem netten Herren, dass du dir durchaus darüber bewusst bist, in welchem Stockwerk eure Wohnung liegt, sonst hättest du jeden Tag ein Problem damit, nach Hause zu finden. Aber du wachst tatsächlich jeden Morgen in deinem eigenen Bett auf. Du weißt, wo du wohnst.

„Aber hier steht, Sie wohnen im 1. Stock! Und ich bekomme pro Stockwerk Geld, verstehen Sie? Pro Stock-Werk!“ Diesmal wird er etwas lauter. Ziemlich viel lauter.
Du bemühst dich um Ruhe, während du ihm erklärst, dass ihr beim Kauf der Küche die richtige Zahl genannt habt und die Dame sie auch notierte. Nein, ihr habt nicht geflunkert. Wirklich nicht. Und für den Transport bezahlt. Wirklich. Read more

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Ihr habt keine Wahl

Ihr habt keine Wahl

„Wer die Wahl hat sollte seine Stimme erheben, statt seine Stimme abzugeben.“

Georg Wilhelm Exler

Du möchtest dich unbedingt mitteilen, nein, eher möchtest du schreien. Und manchmal auch weinen.

Du stehst vor einer scheinbar unüberbrückbaren Herausforderung und hast nicht die geringste Ahnung, wie du diese überstehen sollst. Ein Problem, das sich wie eine Wand vor dir aufbaut, ohne dass sich auch nur ein winziges Durchkommen abzeichnet. Und du weißt nicht weiter. In erster Linie deshalb, weil die Lösung nicht in deiner Macht liegt. Du fühlst dich absolut hilflos, ohnmächtig – ein beklemmendes Gefühl, das du niemandem wünschst.

Bis vor paar Wochen habt ihr in H. gelebt, wo auch euer Sohn zur Welt gekommen ist. Dann wolltet ihr weg, näher zur Familie- es leichter haben mit Kind. Und seid in W. gelandet. Ihr mögt W., es ist grün, kulturell und freundlich.
Nur nicht kinderfreundlich.
Momentan willst du allerdings nur noch weg, alles zurückdrehen, Augen zumachen und wieder in H. aufwachen. Nicht weil die Stadt so überragend ist, sondern weil ihr dort bereits einen Kindergartenplatz hattet. Auch wenn weiter weg von eurer Familie. Read more

Umzug ist nichts für Anfänger

Umzug ist nichts für Anfänger

„Es ist nicht die stärkste Spezie, die überlebt, auch nicht die intelligenteste, es ist diejenige, die sich am ehesten dem Wandel anpassen kann.“

Charles Darwin


Du denkst, du bist stark. Du denkst, du hast schon Vieles gesehen. Du denkst, du wirst deine Schwangerschaftspfunde nicht so schnell los.

Bis du umziehen musst. Mit Baby. Im Hochsommer. In eine andere Stadt. Dann weißt du, dass deine angebliche Stärke bisher mit der eines Schmetterlings vergleichbar war.

Du denkst, du hast es geschafft, als die letzten Möbeln endlich im zweiten Stock angekommen sind. Ohne Aufzug. Bei extrem hohen Decken, mit extrem vielen Treppen. Du denkst das Meckern der Umzugsspedition – „bei den vielen Stufen ist es doch quasi der dritte Stock!“ – war die Höhe deines Umzugsabeneuers.

Bis der Papa vom Baby arbeiten geht und du alleine mit Baby bleibst. Und mit sämtlichen Internet- und Handwerkstypen, die nicht für ihre Freundlichkeit bezahlt werden. Read more

Darf es ein bisschen Panik sein?

Darf es ein bisschen Panik sein?

„Angst haben wir alle. Der Unterschied liegt in der Frage wovor.“
Frank Thiess

 

Die Apotheke ist fast gespenstisch leer. Nur du stehst da mit dem Kinderwagen und eine schwangere Frau neben dir. Während du der Apothekerin das Rezept reichst, hörst du mit einem Ohr, wie deren Kollegin der schwangeren Frau einen Flyer in die Hand drückt und erklärt, wie schwierig Stillen wäre und wie fruchtbar die Krankenhäuser in dieser Hinsicht agieren würden. Die Apothekerin erzählt und erzählt. Als wäre das Gespräch eine Prüfung und als hätte sie die ganze Nacht den Prüfungstext auswendig lernen müssen.

„Sie werden sehen, man schmeißt Ihnen das Baby hin und Sie mit in das kalte Wasser. Und dann müssen Sie gucken, wie sie das alleine mit Ihrer Brust und Ihrem hungernden Baby zurecht kommen. Ist es ihr erstes Kind?“

Die Frau nickt und wirkt völlig verängstigt, was du ihr überhaupt nicht verübeln kannst. Panikmache ist nämlich das Letzte, was eine werdende Mutter gebrauchen kann. Eine zum ersten Mal werdende Mutter, die sowieso ständig verunsichert wird- unabhängig davon, ob es um den Kinderwagen, die Geburt oder den Mangel an Kitaplätzen geht. Überall gibt es Fragezeichen und Zweifel. Alles, was mit dem Kind zusammenhängt, erscheint wie das chinesische Alphabet, selbst das Wickeln.

Die Apothekerin ist mit ihren Ausführungen aber noch lange nicht fertig: „Wenn Sie wüssten, wie viele Pumpen wir verleihen und wie viele Rezepte wir von den Krankenhäusern bekommen! Das Stillen ist nicht so einfach wie es aussieht. Aber wenn Sie wenigstens Hilfe bekommen würden. In Krankenhäusern bekommen Sie die nicht!“

Du denkst an deinen Krankenhausaufenthalt mit Baby. Wie mehrmals am Tag die Hebamme und die Schwester vorbeikamen, dir zeigten, wie man stillt und erklärten, worauf du achten solltest. Nachts genauso. Dir erscheint es alles nicht so schlimm, wie die Apothekerin es darstellt. Und selbst wenn es so sein sollte, dann würde die Frau nch genug Zeit haben, sich Sorgen zu machen. Natürlich ist Stillen am Anfang genauso chinesisch wie alles andere, aber du bekommst Unterstützung- vom Krankenhauspersonal und von deiner Nachsorgehebamme. Der schwanger Frau erscheint das Stillen aber mittlerweile mindestens genauso schlimm wie ein mittelstarkes Erdbeben, denn sie sieht so aus, als würde sie gleich hier ihr Baby entbinden. Und dann verstehst du, warum die Apothekerin sich solch einer Mühe bei der Umschreibung der Stillschwierigkeiten gibt.

„Hier, ich gebe Ihnen den Fleyer mit, da finden Sie sämtliche Informationen. Die Hebamme kommt zu uns und macht einen Stillkurs, zeigt Ihnen alles, was Sie beachten müssen. Für nur fünfzig EUR.“

Du bist wütend. Hier möchte man etwas verkaufen, was man nach der Geburt sowieso bekommt. Und auch wenn, dann sollte man das doch bitte ohne der Panikmache, sondern lediglich Werbung für die Veranstaltung machen. Ohne angsteinflößender Kommentare.

„In welchem Krankenhaus werden Sie denn entbinden?“
Die Schwangere nennt dasselbe Krankenhaus, in dem auch dein Baby zur Welt kam. Und du fühlst dich in der Pflicht, die Frau zu beruhigen. Erzählst ihr, dass das alles bei dir gar nicht so schlimm war, du Hilfe bekamst und alles gut werden würde!“

Die Apothekerin kann sich aber immer noch nicht beruhigen: „Es ist ja schön, dass Sie Glück hatten und bei Ihnen alles gut lief. Allerdings bekommen wir aus diesem Krankenhaus auch zahlreichen Rezepte für Milchpumpen.“

Du gibst es auf, verabschiedest dich und hoffst, dass bei der Schwangeren vor lauter Angst keine vorzeitigen Wehen losgehen, sie eine Nacht drüberschläft und diese Begegnung ganz schnell vergisst.

Die Frage der Erziehung

Die Frage der Erziehung

„Erziehung besteht aus zwei Dingen: Beispiel und Liebe.“
Friedrich Fröbel

Der Fotograf sieht sehr mürrisch aus. Vielleicht auch müde. Oder du bist müde und interpretierst sein Gesicht komplett falsch. Oder es ist die Hitze, die euch beiden zu schaffen macht.

Baby braucht einen Reisepass. Und davor ein Foto. Also geht ihr auf dem Weg zum Amt beim Fotografen vorbei. Nachdem er dir und Babys Papa einen Vortrag darüber gehalten hat, warum es kein Problem sei, Baby mit Blitz zu fotografieren und warum es ein noch geringeres Problem fürs Baby sei, ins grelle Licht zu schauen, macht er endlich die Fotos. Baby sitzt sehr brav auf deinem Schoß, guckt sich interessiert um, gibt keinen Laut von sich und reagiert auf das trockene Schnipsen vom Profi.

Nachdem ihr die mehr schlecht als recht gewordenen Fotos in den Händen haltet und gehen wollt, hat der Fotograf noch eine Frage: „Wie erziehen Sie eigentlich Baby?“ Ihr seid über diese Frage mehr als erstaunt und bleibt stehen. Als würde er selbst auf seine Frage antworten wollen, setzt der Fotograf zu einem langen Monolog an. Ihr habt das Gefühl, er möchte euch vermitteln, wie wenig Ahnung ihr habt- weder vom Kamerablitz, noch vom Umgang mit eurem Kind. Es sei sehr wichtig, die Kinder von Anfang an zu erziehen, sie streng zu erziehen, ihnen Grenzen aufzuzeigen. Nicht wie diesen einen Jungen, der bei ihm mal ein Praktikum gemacht hat, dieser Bengel! Nicht mal den Müll konnte er rechtzeitig wegschmeißen, alles musste man ihm zeigen. Sogar bei der Schule hatte sich der Fotograf beschwert. Was sie ihm für einen Schüler schicken würden, eine Unverschämtheit wäre das.
Er nimmt ein dickes Buch aus dem Regal und hält es euch vor die Nase. Ein ganz toller Elternratgeber soll das sein, ihr solltet es unbedingt lesen. Unbedingt schnell, bevor ihr das Baby verzieht. Sonst gehe es ja gar nicht, mit diesen Kindern heutzutage. Du hörst ihm zu und fragst dich, woher seine Abneigung gegen Kinder kommen möge und hoffst, dass er nicht allzu oft Eltern und deren Kinder fotografiert. Nicht allzu oft seine Weisheiten an Menschen weitergibt, die lediglich ein Foto machen lassen wollten, keine Pädagogikvorlesung besuchen.

Babys Papa und du guckt euch an und wisst gar nicht, wie ihr den Mann unterbrechen sollt, so eifrig erzählt er von der richtigen und wichtigen Erziehung. Dabei habt ihr doch gleich den Termin im Amt, auf den ihr mehrere Wochen gewartet habt. Doch er macht selbst eine Pause und fragt euch noch einmal: „Also, wie erziehen Sie Baby?“

„Mit viel Liebe,“ antwortet Babys Papa. „Und Sie, wie erziehen Sie Ihre Kinder?“
„Ich habe keine Kinder. Aber ich hatte schon viele Praktikanten.“

Lachen Sie mich aus?!

Lachen Sie mich aus?!

„Lächeln ist die eleganteste Art, seinen Gegnern die Zähne zu zeigen.“

Werner Finck

„Lachen Sie mich aus?!“ fragt dich die Frau am Telefon total fassunglos. Doch, nein, du lachst nicht. Dir ist gar nicht zum Lachen, eher zum Weinen. Aber das würde auch nicht helfen.
Baby, Papa und du zieht nämlich um, ganz weit weg. Und nun braucht ihr einen Betreuungsplatz für Baby.
Die Leiterin der Einrichtung, schon die zehnte am heutigen Tage, erzählt dir etwas von Schwangerschaft. Und wenn nicht während der Schwangerschaft, dann müsstest du dein Kind doch spätestens nach der Geburt angemeldet haben. So etwas wisse man doch!
Ja, in der Tat, so etwas weiß man. Und deswegen hast du dich ganz brav – gleich nach der Geburt – um Krippenplätze gekümmert. Allerdings in eurer alten Stadt, in der Stadt, die für Baby und für euch jetzt nicht mehr aktuell ist. Read more

Sinnlos

Sinnlos

„God, grant me the serenity to accept the things I cannot change,
Courage to change the things I can,
And wisdom to know the difference.“

Reinhold Niebuhr

Du wachst auf, guckst zum Baby, das dich anlacht und zu Babys Papa, der dich umarmt. Die Sonne scheint, ein Sommertag. Alles schön, alles hell.

Und dann liest du die Nachrichten. Und wünschst, du hättest sie nicht gelesen. Zweiundzwanzig Menschen, die nie wieder ihre Eltern anlachen werden, nie wieder umarmt werden. Ein achtjähriges Mädchen. Zwölf Kinder und Jugendliche, noch keine sechzehn Jahre jung.

Zweiundzwanzig zu viel.

Neunundfünfzig, die für immer traumatisiert sind. Vielleicht nie wieder laufen, sehen, reden, hören, lachen können. Und obwohl sie leben, nie wieder leben können.

Neunundfünfzig zu viel.

Menschen, die nur einen schönen Abend verbringen wollten. Auf einem Konzert, so harmlos, so unschuldig.

Du möchtest schreien- laut, verzweifelt. Aber der Schrei bleibt aus, du bist unfähig, auch nur einen Ton herauszubringen. Unfähig zu verstehen, dass die Grausamkeit kein Ende nimmt, dass der Horror jeden treffen kann. Auch dein Kind. Du willst dein Kind beschützen. Immer und überall. Aber du kannst nicht. Kannst es nicht einsperren, du musst es leben lassen.

Du willst für dein Kind keinen Hass, keine Angst. Sondern Frieden, Freiheit, Liebe und Sicherheit. Für alle Kinder. Für alle Menschen. Die Trauer und die Machtlosigkeit überwältigen dich mit einer Heftigkeit, die dich innerlich zerreist.
Du umarmst Baby und möchtest es am liebsten nie wieder loslassen. Möchtest es beschützen und von allem Bösen fernhalten. Für immer. Aber du kannst nicht.

 

In Gedanken an die Opfer. An die sinnlos verlorenen Menschenleben, die noch alles vor sich hatten.